Fiktiver Report über ein amerikanisches Popfestival

Es war im Jahr 1977, als mich die Nachricht ereilte, im Leipziger Schauspielhaus würde eine Band Stones spielen. Eher ungläubig studierte ich das Programm der Leipziger Bühnen, und tatsächlich; da stand es: Fiktiver Report über ein amerikanisches Popfestival. Gemeint war natürlich das legendäre Konzert der Stones 1969 in Altamont. In Scharen rannte damals das rockbegeisterte – eher als „Kulturbanausen“ verschriene -, vorwiegend jugendliche Publikum in das Leipziger Schauspielhaus, in dem ich Jahre zuvor meine Jugendweihe erhalten hatte. Die Premiere des Pop-Musicals des Ungarn Tibor Dery (18.10.1894 – 18.08.1977) fand am 17. Juni 1977 statt. Auch andere Bühnen, wie in Erfurt, Weimar und Berlin, nahmen den Fiktiven Report in den Spielplan auf. Das Musical hatte eine enorme Resonanz und erlangte schon fast Kultstatus in der DDR, ähnlich des US-amerikanischen Streifens „Blutige Erdbeeren“. Der „Fiktive Report…“ erschien in der DDR übrigens auch in Romanform.

Was war in Altamont geschehen? Am 6. Dezember 1969 spielten die „Rolling Stones“ auf der Autorennbahn von Altamont in der Nähe von Tracy. Die Stones wollten auf ihrer Tour einen Film drehen und in Altamont sollte er fertig gestellt werden. Siebzehn Filmteams standen bereit. Bereits während im Vorprogramm „Santana“ spielte, kam es zu Handgreiflichkeiten der, als Security angeheuerten, „Hells Angels“ gegenüber den Zuschauern. Martin Bell von „Jefferson Airplain“, der einen weiteren Streit zwischen den „Ordnungskräften“ und den Zuschauern schlichten wollte, wurde während des Auftritts auf der Bühne zusammen geschlagen. Das traurige Schauspiel gipfelte schließlich in der Ermordung des Afroamerikaners Meredith Hunter vor laufenden Kameras während die Stones spielten. Am Ende des Konzertes hatten die 19 Ärzte und 6 Psychiater für einen Ertrunkenen, zwei Überfahrene und den erstochenen Hunter Totenscheine ausgestellt.

Im „Fiktiven Report…“ berichteten junge Schauspieler mit den Mitteln des Theaters über diese Ereignisse. So wie die handelnden Personen fiktiv waren, ging es auch dem Autor nicht um eine originalgetreue Dokumentation der Ereignisse, vielmehr sollten die Mechanismen eines solchen Festivals offen gelegt werden. Die Originalmusik des Musicals stammte von der ungarischen Band „Locomotiv GT“ und wurde erstmals 1973 im Budapester „Vigszinhaz“ von Sandor Pos auf die Bühne gebracht. Im gleichen Jahr wurde beim ungarischen Label „Qualiton“ auch die Originalmusik veröffentlicht. LGT war die Band um Gabor Presser, die 1971 von Presser (voc, keyb) und Jozsef Laux (dr) gegründet wurde. Beide hatten zuvor schon bei „Omega“ gemeinsam gespielt. LGT stand immer im Schatten von „Omega“ und „General“; war in der DDR jedoch mindestens genauso bekannt wie „Omega“, „General“, „Hungaria“ oder „Fonograf“. Ich jedoch favorisierte damals „Bergendy“, eine ungarische Band, die sich ebenso wie LGT im Laufe der Jahre zu einer Jazzrock-Band entwickelt hatte. Interessanterweise war LGT im Ausland besser bekannt als im eigenen Land. 1974 beispielsweise tourte LGT durch Nordamerika und stand gemeinsam mit Bands wie „ZZ-Top“, „Lynyrd Skynyrd“ oder „Aerosmith“ auf einer Bühne.

 

Die Nachdichtung der Originaltexte von Anna Adamis besorgte Wolfgang Tilgner. In den Hauptrollen der Leipziger Inszenierung spielten u.a. Gottfried Richter (Joszef), Sibylle Kuhne (Juana), Dieter Bellman (Manuel) und Astrid Bless (Beverly). Die Musik lieferte „SET“.

„SET“ war eine Leipziger Hardrock-Band. Sie wurde 1973 als Amateurband gegründet, wechselte 1978 ins Profilager und wurde 1985 aufgelöst. Die „Melodie und Rhythmus“ schrieb im September 1977: „Schon seit einigen Jahren gehört „SET“ zu den besten Amateurgruppen der DDR.“ Bekannt geworden ist sie durch Eigenkompositionen, wie „Huscha“, „Knockout“ oder „Eisen“, die es bis in die DDR-Wertungssendungen geschafft haben. Ihr Markenzeichen waren eingängige, tanzbare und betont rockige Nummern. Gründungsmitglieder waren: Hans Kölling (voc, g, sax), Herbert Schmidt (org), Bernd Haucke (dr) und Bernd Seifert (bg).  1977 spielte „Set“ in der Besetzung: Kölling, Seifert, Haucke, Thomas Hoffmann (org, synth, voc) und Lutz Heinrich (g, voc). Als Haucke nach Berlin zu „NO 55“ wechselte, kam für ihn Thomas Bürkholz. Weitere Mitglieder waren: Lutz Künzel (g) und Frank Czerny (bg). Alles bekannte Namen, die später bei Bands wie „NO 55“, „Gong“ oder „Prinzip“ wieder auftauchten. Heinrich und Haucke spielten übrigens in den 1990er Jahren gemeinsam mit „Erbse“ Moser, der leider freiwillig aus dem Leben schied, in der Leipziger Bluesrockformation „Eisenheinrich“. Heute trommelt Haucke in der Stonescoverband von Mike Kilian (Rockhaus). An seine Leipziger Zeit wurde ich erinnert, als ich vor einiger Zeit einen DVD-Mitschnitt „Das besondere Konzert“ anlässlich seines 60. Geburtstages am 10.Juli 2010 in Protzen in die Hände bekam. Das Turnhallenkonzert bei unerträglichen Temperaturen war tatsächlich etwas ganz besonderes, stand doch dort seit mehr als 20 Jahren „NO 55“ erstmals wieder gemeinsam auf der Bühne. Das wird wohl solange einmalig bleiben, wie Frank Gahler (GALA) in seiner spanischen Wahlheimat bleibt. Czerny und Bürkholz hatten vor „Set“ schon gemeinsam in der „Bürkholz-Formation“ gespielt.

Von Thomas Bürkholz (geboren am 26.02.1949) stammten die Arrangements des Fiktiven Reports in der Leipziger Inszenierung. Bürkholz (dr) war Gründungsmitglied der „Klaus Renft Combo“ und gründete 1972 seine eigene Band, die damals in Leipzig Kultstatus besaß, jedoch nach nicht einmal einem Jahr zwangsaufgelöst wurde. Nach einem Konzert am 22. Juni 1973 bei dem es zu „Ausschreitungen gegenüber Ordnungskräften“ gekommen war und Fans die Bühne stürmten, erhielt Bürkholz auf unbestimmte Zeit Berufsverbot und weitere Bandmitglieder ein zeitweiliges Spielverbot. Zur „Bürkholzformation“ gehörte neben Czerny und Bürkholz auch das ehemalige Mitglied des Leipziger Thomanerchores und spätere DDR-Schlagerstar Hans-Jürgen Beyer (voc), der Farbfilmmicha und Entdecker von Nina Hagen Michael Heubach, Heinz Geisler (g) und Wolfgang Zahn (sax). Nach dem Ende von „Set“ arbeitete Bürkholz als Komponist im klassischen Bereich. Von Bürkholz stammt übrigens auch die musikalische Bühnenfassung des DEFA-Klassikers „Heisser Sommer“, uraufgeführt in 2005 am Volkstheater Rostock.

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