Wie alles begann…

 

Jahrgang 1954. Ich bin quasi mitten in die Rock’n Roll – Ära hinein geboren worden; bekam aber zwangsläufig nicht viel davon mit. Kaum dem „Sandkastenalter“ entwachsen, wurde man als Leipziger mit zwei grundlegenden Fragen konfrontiert und musste frühzeitig Farbe bekennen: „Bist’e Chemie- oder Lokfan“, so die eine Frage. Und bei Frage Nummer 2 hieß es sich zwischen Stones oder den Beatles zu entscheiden. Mich traf diese Frage unvorbereitet. Spontan entschied ich mich für die Stones. Heute weiß ich auch warum. Sie spielten Blues.


Musik verkonsumierten wir damals ausschließlich über Radio. Es war die Zeit der Kofferradios. Gehört haben wir „Feindsender“ wie Radio Luxemburg, RIAS II, Bayern 3, NDR 2 und den „Deutschen Soldatensender“. Er wurde von der DDR betrieben, stand in der Nähe von Magdeburg, sendete ausschließlich westliche Musik und Informationen, die an die Angehörigen der Bundeswehr gerichtet waren. Ich weiß bis heute nicht, ob den Sender je ein Bundeswehrsoldat gehört hat. Wir schon!


Erst nachdem ich 1965 Augenzeuge der „Leipziger Beatdemo“ wurde und später die erste „Jugendtanzveranstaltung“ besucht hatte, begann ich mich auch für die einheimische Musikszene zu interessieren.


Anfang der 1960er Jahre erreichte die Beatlesmania auch die DDR. Die Beatbands, im offiziellen Sprachgebrauch „Gitarrengruppen“ genannt, schossen wie Pilze aus dem Boden. Es waren meist Schülerbands, die sich das Musizieren autodidaktisch beibrachten und - in Ermangelung professionellen Equipments -  sich abenteuerlicher Verstärkeranlagen bedienten. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre zählte man in der gesamten Republik über 5 Tausend Amateurbands, von denen die überwiegende Mehrheit auf der Beatwelle schwamm. Anfangs wurde die Beatbewegung durch die Staatsmacht argwöhnisch beobachtet, aber toleriert, teils sogar gefördert. Glaubte man doch so Einfluss auf die Jugend zu gewinnen. Das änderte sich im Herbst 1965 schlagartig. Nach den Vorfällen beim Auftritt der Rolling Stones in der Westberliner Waldbühne am 15. September 1965 bekamen die DDR-Behörden „kalte Füße“ und gingen rigoros gegen die Beatbewegung vor. Mitglied der "Team Beats Berlin", die damals in der Waldbühne als Vorband spielte, war übrigens Olaf Leitner, der später beim „RIAS“ den „Treffpunkt“ moderierte, vorzugsweise in den Osten sendete und exzellenter Kenner der DDR-Rockszene ist. Besonders drastisch gingen die Leipziger Behörden vor. Allein in Leipzig wurden annähernd sechzig Bands verboten. Am bekanntesten waren wohl die „Butlers“. Die Band wurde bereits 1958 als „Klaus-Renft-Combo“ gegründet und infolge mehrerer Auftrittsverbote mehrfach umbenannt, u.a. in „The Findows“ und „The Shadows“. Das Verbot der „Butlers“ am 21. Oktober 1965 löste schließlich die Leipziger Beatdemo aus. Nachdem sich die Lage beruhigt hatte, ließ Klaus „Renft“ Jentzsch im Jahr 1967 die „Klaus-Renft-Combo“ neu erstehen.


Gegen Ende der zweiten Hälfte der 1960er Jahre „normalisierte“ sich das Verhältnis der DDR-Behörden gegenüber der Szene allmählich, aber da war der Zenit der Beatbewegung bereits überschritten. Der Geist von Woodstock hatte auch die DDR erreicht. Interessanterweise überstand der Begriff „Beatmusik“ im offiziellen DDR-Sprachgebrauch das Ende der Beatbewegung und fand so auch Anwendung auf die frühen Formen der Rockmusik in der DDR.

Unter dem Einfluss der Hippie-Ära begannen sich die Bands neu zu orientieren. Neue Bands entstanden.


Typisch für diese Zeit war die Entwicklung der „Stern Combo Meissen“. Bereits im Jahr 1964 als Quartett gegründet, entwickelte sich die Band Ende der 1960er Jahre zu einer Rockband, die sich an „Cream“ und Hendrix orientierte. 1970 verstärkte sich Stern Meissen mit vier Bläsern und wandte sich dem Jazz-Rock (Blood, Sweat & Tears) zu. Als 1973 Keyboarder Thomas Kurzhals zur Band kam, entwickelte sie sich zunehmend zu einer Art-Rock-Band nach dem Vorbild von Emmerson, Lake & Palmer. Auch „Renft“ begann mit großen Formationen zu experimentieren, holte sich Bläser, mit Michael Heubach einen Keyboarder und mit Christiane Ufholz eine Sängerin in die Band. In dieser Phase war die Musik der „Klaus-Renft-Combo“ deutlich von Jazz- und Souleinflüssen geprägt. Das änderte sich erst ab 1971 als man im harten Rock verbunden mit erdigem Rhythm’n Blues den typischen Renft-Sound gefunden hatte und bis zum endgültigen Verbot 1975 mit konstanter Besetzung spielte.

Andere Bands wie das Modern Septett, entstanden aus den „music-stromers“, wandten sich dem Soul zu. 1970 in „Modern-Soul-Band“ umbenannt, ist „Hugo“ Laartz mit wechselnden Besetzungen diesem Stil bis heute treu geblieben. Auch „Joco Dev“, eine Rockband, welche aus den „Brightles“ entstanden war, ließ sich Ende der 1960er Jahre deutlich von Soul beeinflussen.


Der Jazz-Rock erlebte Anfang 1970 in der DDR mit den Formationen von Klaus Lenz, Horst Krüger, der „Gerhard-Stein-Combo“, dem "Werner-Pfüller-Sextett" oder der Band „Panta Rhei“, die aus den „Alexanders“ hervorgegangen war, einen regelrechten Boom.

Theo Schumann, Thomas Natschinski (ex-Team 4), Uve Schikora (ex-Berolina-Singers) und später auch Horst Krüger bedienten die Pop-Schiene.


Die Thüringer Jürgen Kerth (ex-Rampenlichter) und Wilfried Woigk (ex-Polars) oder Wolfram Bodag, Stefan Diestelmann und Hansi Biebl (ex-Atlantiks, ex-Reichert-Combo) hingegen fanden frühzeitig zum Blues. Doch bis zum eigentlichen Blues-Boom in der DDR sollten noch fünf bis sechs Jahre vergehen. Peter „Cäsar“ Gläser über das Phänomen der DDR-Bluesszene: „Übrig geblieben aus der Hippie-Ära ist der Blues. Mit ihm hat die verbindende Macht der Töne überlebt. Hier war Musik Religion, war sie nicht mehr gut oder schlecht, sondern eben DER Blues.“

 

(September 2011)