Stefan Diestelmann

Bluesmusiker

 

1949 bis 2007

Stefan Diestelmann wurde am 29. Januar 1949 in Bayern geboren, und nach Bayern zurück zog es ihn, als er 1984 von einem Sologastspiel in Hildesheim nicht mehr in die DDR zurückkehrte.

 

Schon als Kind beschäftigte er sich mit Musik und brachte sich autodidaktisch das Gitarrenspiel bei. Seine ersten Auftritte hatte er mit der Beatformation "Teddys". Danach spielte er in verschiedenen Amateurgruppen. Als ihm sein Vater die Beatmusik verbot, fand Diestelmann zum Blues.

 

1975 holte ihn der Gitarrist Axel Stammberger in die neu gegründete Bluesband "Vai hu", wo er gemeinsam mit Godolf Oske (g,voc), Rüdiger Phillip (bg, voc), Ulrich Kersten (dr, perc) und Thomas Abendroth (org, e-p, voc) spielte. Doch lange blieb er da nicht. Als Diestelmann 1976 ausstieg, zerfiel die Band.

 

Nach einem kurzen Zwischenspiel in der "Engerling Bluesband" gründete er im Mai 1977 die "Stefan Diestelmann Folk Blues Band". Zur Stammbesetzung dieser Formation gehörten Dietrich Petzold (v, perc), Rüdiger Phillip (bass) und Bernd Kleinow (harm). Obwohl sich die Band stilistisch deutlich von den übrigen (Ost-)Berliner Bluesbands unterschied, erlangte sie rasch Kultstatus. Der Ruf Diestelmanns breitete sich rasch in der gesamten DDR aus. Diestelmann wurde einer der führenden Köpfe der DDR-Bluesszene. Markenzeichen wurden sein authentischer, an Blueslegenden wie B.B.King oder Muddy Waters orientierter Blues, und seine "urwüchsigen" Texte. Die, mit zahlreichen Gastmusikern wie Volker Schlott, Gerhard Eitner, Alexander Blume, Lothar Wilke und Regine Dobberschütz aufgenommenen, Langspielplatten "Stefan Diestelmann Folk Blues Band" und "Hofmusik" wurden ein Riesenerfolg. Seine wachsende Popularität und die durch ausländische Bluesmusiker wie Memphis Slim erfahrene Anerkennung führte dazu, dass Stefan Diestelmann, als einer der wenigen DDR-Musiker, trotz fehlender Musikausbildung den Profistatus zuerkannt bekam. Einerseits vom Staat hofiert, "eckte" Diestelmann wegen seiner Texte und seiner Nähe zum trampenden Publikum immer wieder an. Sanktionen bis hin zu Auftrittsverboten waren die Folge, sodass er schließlich der DDR den Rücken kehrte.

 

Bereits 1984 formierte er in der Bundesrepublik mit Ludwig Seuß und Michael Aßmann eine neue Band. 1985 erschien bei Jupiter Records sein erstes Album in der  BRD. Weitere folgten. Doch an seine früheren Erfolge in der DDR konnte er nie wieder anknüpfen. Freunde und damalige Weggefährten bestätigen es; Diestelmann hat den Abstieg vom Plattenmillionär und "Blues-Kaiser" der DDR zu einem Begleit- und Sessionmusiker nie verkraftet. Möglicherweise war er auch dem Konkurrenzdruck im westlichen Musikgeschäft nicht gewachsen.

 

Fakt ist, dass er sich in den 1990er Jahren gänzlich aus dem Musikgeschäft zurückzog und eine Werbefilmfirma gründete. Kontakte zu alten Freunden/Kollegen im Osten und neuen im Westen brach er urplötzlich ab, und zog sich immer weiter zurück. Als 2006 die website seiner Firma abgeschaltet worden ist, er auch telefonisch nicht mehr erreichbar war, wurde es gänzlich still um ihn. Lange Zeit gab es Mutmaßungen um den Tod Diestelmanns, welche erst zur Gewissheit wurden, als sich der Journalist Steffen Könau auf Spurensuche begab. Am 2. Dezember veröffentlichte er in der "Mitteldeutschen Zeitung" (Halle/Saale) unter der Überschrift "Das stille Sterben des Stefan D." einen Artikel über Leben und Tod Diestelmanns: Stefan Diestelmann starb am 27. März 2007 und niemand hat es bemerkt!

 

Was bleibt ist seine Musik, und die steht in Gestalt seiner Amiga-Scheiben an vorderer Stelle in meinem Plattenschrank.

 

(Dezember 2011)

 

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Mein Nachruf für Stefan Diestelmann

Meist hört man zuerst einen Bandnamen und den immer öfter. Es stellt sich dann oft heraus, dass da ein Ausnahmemusiker dahinter steckt. Ich hörte damals oft den Namen “Vai Hu”. Dann wurde mir klar warum. Stefan Diestelmann war eine wichtige Kraft bei dieser Band. Er trat nach seinem Ausstieg ja unter seinem Namen auf, und unsere Wege kreuzten sich immer öfter auf der Bühne. Er machte vieles anders als alle anderen.

Er saß, er brauchte kein Schlagzeug, da er den Rhythmus mit dem Fuß auf einem Holzkästchen erzeugte. Und schon da spürte man eine seiner großen Begabungen- einen magisch treibenden Beat.

Nur mit Rhythmusgitarre und diesem, eine große Trommel nachahmenden Stampfen, konnte er ganze Säle in Verzückung versetzen. Und dann natürlich sein Gesang: Eine prägnante,  unverwechselbare Stimme mit sicherster Intonation und Rhythmusgefühl. Sie konnte manchmal “herrisch” wirken, damit riss er die Leute aber nur noch mehr mit.

Unsere Band nannte er uns gegenüber seine Lieblingsband und ein wenig auch als Inspiration, was sein näherers Umfeld bzw. die ostdeutsche Szene anbelangte.

Wir hatten dadurch einige Doppelkonzerte mit ihm, wo mit ihm immer meist zwei sehr gute Musiker zur Seite standen. Kam es dann zur Jamsession, hatte erden Hang, den Ablauf zu sehr dominieren zu wollen. Dafür wurde er natürlich von mir bei sich zu hause auch schnell mal “angezählt”.

Er hatte ein großes, gut geordnetes gemütliches Zimmer mit Regalen voll mit hunderten Audio-Cassetten, jede im eigenen Fach. Das er im wahrsten Sinne einen sehr guten Geschmack hatte, merkte man an den herrlichen Suppen, die er uns vorsetze. Er hat sie meist zusammen mit seiner Hanni zubereitet. Sie war wohl die kluge Frau hinter einem starken Mann.

Quelle: Jürgen Kerth

übernommen aus www.innerschweizonline.ch im Februar 2012