Aus der Berliner Zeitung vom 3. November 1997:

Wie ein Krokodil auf der Regenwiese

Torsten Wahl

Was ist eigentlich Ost-Blues? Das East-Blues-Festival läuft schon seit 1993 alljährlich in Potsdam und wurde nun zum ersten Mal auch in der Berliner Kulturbrauerei abgehalten. Konzertveranstalter Tom Wielgohs will so das Genre des Blues "Marke Ost" pflegen, dem nach der Schließung des Franz-Clubs das wichtigste Zentrum in Berlin fehlt. Doch haben die Blueser in der DDR tatsächlich einen völlig eigenen, spezifischen East-Blues-Stil entwickelt, wie der rührige Bluesretter glaubt? Der Blues im Osten bot alle möglichen Spielarten, vom Boogie-Woogie, Country-Blues bis zum schwermetallenem Bluesrock ­ genauso wie in vielen Blueslandschaften der Welt. Etwas Besonderes allerdings war inden 70ern und 80ern die Beliebtheit beim Livepublikum.

Wochenende für Wochenende setzten sich Hunderte in Bewegung, um Monokel oder Engerling, Stefan Diestelmann oder Jürgen Kerth zu erleben. Im Sommer bekleidet mit "Fleischerhemd", Jeans und Jesuslatschen, im Winter mit braunen "Kletterschuhen" und der obligaten grünen Kutte. Blues galt als authentisch, echter als etwa die krampfigen Versuche, den New Wave in den Farben der DDR nachzuahmen. In den Augen der Oberen hatte es der Blues dagegen lange schwer: Klang hier nicht eine Traurigkeit durch, die bis zur Verweigerung reichte? Wurden hier nicht andauernd Verlierertypen besungen?

Doch die Musiker suchten nicht nur Zuflucht beim Blues, weil sie besonders renitent waren. Viele ließen sich auf ihn ein, weil er technisch einfacher zu spielen war ­ auch mit einer Akustikgitarre bleibt ein Blues ein Blues.

Das Festival vom Wochenende setzte fast ausschließlich auf die altgedienten Blues-Acts der DDR: Nicht nur das Gitarren-Duo Waldi Weiz/Udo Weidemüller, sondern auch die Jonathan Blues Band, Engerling sowie Peter "Cäsar" Gläser stehen schon seit den 70ern auf der Bühne. Aus dem Rahmen fiel nur Pharao T. & The Big Block ­ eine Sessionband deren Musiker bei Element Of Crime spielen und die hier ihr Faible für den Sixties-Rock à la Cream oder Doors auslebten.

Am druckvollsten zeigte sich aber die Jonathan Blues Band. Bandleader Peter Pabst bewies nicht nur die Fingerfertigkeit eines Johnny Winter, sondern brachte das Publikum mit seinem Gitarrenlärm an die Grenze zum Hörsturz. Nicht so einfach einzusortieren sind Engerling und Peter "Cäsar" Gläser: Bei ihnen war der Blues immer nur ein, wenngleich nicht unwesentliches Element. Engerling strich schon Ende der 70er den Zusatz "Blues Band" aus dem Namen.

Die Band um Wolfram "Boddi" Bodag begann mit dem Boogie-Woogie von der "Weißen Ziege", ihrer ersten Single, textlich so gewagt wie kein anderer Song aus Bodags Feder. Die Phase, in denen die Engerlinge ihre Enttäuschung über die gescheiterten Wendehoffnungen in die Songs einfließen ließen, ist nungegen vorbei. Heute hat Bodag zu einer achselzuckenden "So ist es nunmal"-Gelassenheit gefunden. Live sind sie mit ihrem Programm aus Bluesstandards wie "Not Fade Away" und eigenen Klassikern aber immer noch eine Macht. Bodags Boogie-Woogie-Klavier und Heiner Wittes effektvolle Slide-Gitarre brachten den Saal in Schwingung.

Als "Cäsar" mit seinen beiden jungen Begleitern schließlich um 2.15 Uhr die Bühne im Kesselhaus betrat, harrte nur noch der harte Kern aus. Der Gitarrist und Sänger mit der ultratiefen Stimme ist eine der wirklichen Legenden der DDR-Rockgeschichte. "Cäsar" spielte Renft-Songs wie den "Apfeltraum", Karussell-Titel wie "Lieb ein Mädchen" und Klassiker wie Fleetwood Macs "Oh Well". Stilistisch ist "Cäsar" so vielseitig wie eh, auch seinem Bassisten Volkmar Große ließ er viele Freiheiten. Seine Zugabe begann mit den Zeilen: "Wie ein Krokodil auf der Regenwiese", aus einem der allerersten auf LP veröffentlichten Bluestitel einer Ostband; "Cäsars Blues" klang immer noch so frisch wie vor 25 Jahren. Zur Freude des harten Kerns aus dem Publikum.

Aber braucht man deshalb ein East-Blues-Festival, wo doch immer noch viele Bands Konzerte geben? Auch, wenn das Festival als Treffpunkt der Szene wichtiger ist als als musikalisches Ereignis, der sechsstündige Bluesrockmarathon hatte seine Berechtigung: Wo sonst können sich Blues-Fan, die mit ihren Helden in Ehren ergraut sind, noch bis morgens um vier Uhr austoben.