Aus der Märkischen Allgemeinen Zeitung vom 22.11.2010:

BERLIN - Es kann von Vorteil sein,nie im grellsten Rampenlicht gestanden zu haben. Die Band Engerlingliefert seit 35 Jahren laufend den Beweis. Der strengen Blues-Szene derDDR waren die Musiker um Songschreiber und Keyboarder Boddi Bodag nieoriginalgetreu genug, hielten sich einfach nicht ans 12-Takt-Schema. DerRock-Szene wiederum fehlte bei Engerling das glamouröse Show-Gehabe.

Ein treues, um Moden unbekümmertes Publikumhaben sie sich erobert mit ihrer Mischung aus Blues und Rock, mitAnleihen bei Bob Dylan und den Stones, Einschlägen von Rock ’n’ Roll undBoogie Woogie. Vor allem haben Engerling immer mit eigenen Geschichtenüberzeugt. Sei es das frühe Zwiegespräch mit „Mama Wilson“ über denUS-Bluesrocker Al Wilson oder die viel spätere Wende-Utopie„Herbstlied“. Den Karriere-Knick zur Wende erlitt Engerling nicht, dennda war keine Karriere zu knicken. Ehrlicher Blues-Rock handwerklicherExtraklasse behält seine feste Fan-Basis.

Auf die Geburtstagsfeier sollte die in diesem Jahr lange warten,weil am geplanten Termin im Frühjahr Boddi zum Schrecken von Freundenund Fans ins Krankenhaus musste. Bei der nun nachgeholten Party imheillos überfüllten Kesselhaus der Berliner Kulturbrauerei zeigte ersich am Samstagabend wieder in allerbester Form. Er traktierte seinKeyboard in heftiger Boogie-Manier, entlockte ihm schwelgendeOrgelsounds und sang in lässiger Blues-Diktion. Heiner Witte, seitAnfangstagen dabei, ließ die Gitarre in seiner typischen Weise heulen,die an Saiten-Helden wie Rory Gallagher oder Johnny Winter denkenlässt.

Zur Geburtstagsparty bekam er reichlichUnterstützung. Von Frank Diez etwa, der einst mit Jimi Hendrix spielte.Von Monokel-Chef Michael Linke, von Basti Baur, der noch einen SchussMetal hinzufügte. So steigerte sich das Engerling-Konzert schnell zueiner Art Gitarren-Rock-Session der ekstatischen Art. Die Gitarrerosspielten sich die Soli gegenseitig zu, Bodag streute seine Orgeleiendazwischen, zwei Schlagzeuger zementierten den Untergrund.

So pflügten Engerling und Gäste – diehochtalentierte junge Sängerin Steffi Breiting aus Schmölln seiherausgehoben – lustvoll durch das Repertoire von Engerling und großenVorbildern. Sie deuteten die Beatles-Vorlage „I Am The Walrus“ zumdunkel strahlenden Progressive-Rock-Stück um, meisterten souverän dievertrackte Nummer „Auf verlorenem Posten“ mit ihrem gebrochenen Rhythmusund endeten nach fast vier Stunden bei Bob Dylans „Like A RollingStone“, das dem Meister selbst sicher gefallen hätte. Bodag und Cohatten es fertig gebracht, den guten alten Rock wieder jung und vollerHoffnung strahlend auferstehen zu lassen.

MAZ 22.11.2010Gerd Dehnel