Die Geschichte der Bluesharp
Der Reiz der Mundharmonika lag in der schmucken Verpackung und demmetallisch-glänzenden Instrumentendesign. Ihr extrem niedriger Preismachte sie sogar für Habenichtse erschwinglich. Schon für einen Nickel(=Fünfcentstück) konnte man um die Jahrhundertwende eine Harmonikaerwerben, die dann vor dem ersten Weltkrieg einen Dime (=Zehncentstück)kostete. Zwischen den Weltkriegen musste man 25 bis 50 Cents für einExemplar berappen, danach ungefähr 2 Dollar.
Anspruchsvollere Modelle kosteten entsprechend mehr, was bereits diefinanziellen Möglichkeiten von so manchem jungen Spieler überstieg. Ichging in dieses Pfandleihhaus in der Unterstadt, wo ich eine Marine BandHarmonika im Schaufenster gesehen hatte, erzählt Junior Wells. Ichhatte einen Job, arbeitete die ganze Woche und am Samstag gab man mireineinhalb Dollar. Eineinhalb Dollar für eine ganze Woche Arbeit! DerPfandleiher wollte 2 Dollar für die Mundharmonika haben. Ich sagte ihm,dass ich das Instrument haben muss und ob ich den Rest nächste Wochebezahlen könnte. Er sagte: Nein! Dann musste er kurz vom Ladentischweg, ließ aber die Mundharmonika liegen. Ich legte meine eineinhalbDollar hin, schnappte die Mundharmonika und war auf und davon. In derGerichtsverhandlung fragte mich der Richter, warum ich das gemachthabe. Ich sagte, ich musste die Mundharmonika haben. Der Richterforderte mich auf zu spielen und ich gab eine Kostprobe. Er nahm seinenGeldbeutel heraus, gab dem Mann seine 50 Cents und brüllte: Verfahreneingestellt!
Bis 1870 hatte sich die Harp zu einem gebräuchlichen Instrument derschwarzen Volksmusik entwickelt. Der Blueskomponist und Bandleader W.C. Handy erinnerte sich daran, dass er schon in den späten siebzigerJahren des vorigen Jahrhunderts Musiker Fuchsjagd- undEisenbahnimitationen auf der Mundharmonika spielen hörte.Wahrscheinlich war die Mundharmonika unter der schwarzen Bevölkerungauf dem Land sogar das beliebteste Musikinstrument und verantwortlichdafür, dass die Fiedel allmählich verschwand, die lange Zeit den Tonangegeben hatte. Während die Väter noch Geige spielten, wechselten dieSöhne zur Mundharmonika.
Das Hosentascheninstrument konnte man leicht mit zur Arbeit aufs Feldnehmen, die Fiedel nicht. Manche Plantagenbesitzer engagierten sogarMusiker, um für die Baumwollpflücker bei der Ernte zu spielen, weil dieLeute sich beim Klang einer Mundharmonika das Herz aus dem Leibarbeiteten, wie Junior Wells aus eigener Erfahrung berichtet.
Für den Blues war die Mundharmonika das ideale Instrument. Mit ihrenquasi-menschlichen Eigenschaften fügte sie sich nicht nur organisch inden normalen Atmungsvorgang ein, sondern kam auch klanglich der Stimmerecht nahe, auf der die Ausdruckskraft des Blues basiert. Auf derFrench Harp ließen sich Klänge bis ins kleinste Detail modellieren. Mankonnte Töne biegen, und ziehen, das Instrument seufzen, stöhnen, weinenund lachen lassen und so seinen Gefühlen ganz unmittelbaren Ausdruckverleihen. Die Harp wurde zum Gesprächspartner des Bluessängers, dieandere Stimme, die auf fast menschliche Weise antwortete. Schon frühhatte sich eine Technik eingebürgert, die cross harp-Spiel genanntwurde und darauf hinauslief, dass man ein Instrument wählte, das eineQuarte höher gestimmt war, als die Tonart, in der man musizierte. Sowar es möglich, zusätzliche Töne in das Spiel miteinzubeziehen, diedurch eine Veränderung des Mund-Rachenraums entstehen. Die sogenanntenBendings (=gebogene Töne) sind nicht fest in die Mundharmonikaeingebaut und können bei bestimmten Noten einen Tonumfang von dreiHalbtönen umfassen, wobei die Kunst darin besteht, in diesem Tonraumdie blue notes genau zu treffen. Bei den Blues Harps handelte es sichnormalerweise um einfache diatonische Richter-Modelle mit zehn Löchern,wobei das Marine Band Modell, das 1896 von Hohner auf den Marktgebracht worden war, mit Abstand am beliebtesten war.
Bis heute hat die Bluesharmonika wenig von ihrer Faszination eingebüßt.Alle paar Jahre schwemmt ein neues Blues-Revival das Instrument wiedernach oben, wobei eine starke Fraktion von Neo-Traditionalisten dasklassische Bluesharp-Spiel am Leben erhält. Musiker wie Billy Branch,Rod Piazza, William Clarke, Paul Lamb oder Kim Wilson sehen dieBluesentwicklung mit Little Walter eigentlich als abgeschlossen an undlegen ihr Hauptaugenmerk auf die Interpretation der Tradition. ImUnterschied dazu stoßen Bluesharp-Erneuerer wie John Popper und SugarBlue in Neuland vor. Ihrer Meinung nach ist das letzte Wort in derEntwicklung des Blues noch lange nicht gesprochen, und deshalbversuchen sie mit avancierten Spieltechniken, die Grenzen weiterhinauszuschieben. Was auch dadurch zu erreichen ist, dass man dieklassische Blues-Besetzung aufbricht und in einen neuen Kontext stellt.Ein Pionier auf diesem Feld ist Corky Siegel, der mit seinem ChamberBlues-Projekt eine Synthese von Bluesharmonika und klassischerKammermusik anstrebt.
In Europa hat der Blues in den sechziger Jahren Wurzeln geschlagen. Vorallem in Großbritannien pulsiert eine lebendige Szene. Einige derPioniere der Anfangszeit sind bis heute aktiv. Der Bandleader undHarmonikaspieler John Mayall, dessen Gruppen einst die Keimzelle desenglischen Blues bildeten, machte nach einer Pause unlängst wieder mitsoliden Produktionen auf sich aufmerksam, während Paul Jones, ehemalsLeadsänger bei Manfred Mann, mit seinem Mundharmonikaspiel den Soundder Blues Band prägt. Jüngere Musiker kamen dazu. Paul Lamb, von demMark Knopfler sagt, dass er Bluesharmonika spielt, wie es besser nichtgeht, ist fünfmal in Folge zum besten Harpspieler der englische Szenegewählt worden und hat sich mit seiner Gruppe The King Snakesinternational eine beachtliche Reputation erworben. Rory McLeod, einWeltreisender in Sachen Musik, spielt außer der Mundharmonika nochetliche andere Instrument und tritt bevorzugt als Solist auf, wobei erneben diversen Rootsmusic-Einflüssen auch Bluestraditionen aufgreiftund verarbeitet. McLeod war zeitweise Mitglied der Neo-Jug-Band HaveMercy, wo er auf seinen Landsmann Steve Baker traf, einen anderenführenden Bluesharpspieler in Europa. Baker lebt seit Jahren inDeutschland. Er hat bei Plattenproduktionen und Tourneen von UdoLindenberg und Franz-Josef Degenhardt mitgewirkt und ist im Duo mitseinem Gitarrenpartner Chris Jones durch die Bluesclubs der Republikgetingelt, wo er auf andere vorzügliche Harpspieler wie Klaus Kilian,Udo Wolf und Berhard Dill traf.

gefunden bei Dieter Jonas (Bluesharp Jones)
(16.02.10)