André Greiner Pol ist tot                                

Von Anja Hotopp und Mieste Hotopp-Riecke

Der Sänger und Gründer der legendären Band FREYGANG starb am 15. Dezember in Berlin.

„Hier riechts nach Stall. Hier wirkt vieles noch natürlich.“ So André Greiner-Pol nach einem Konzert in Wannefeld 1993. Die Altmark sei seine „zweite Heimat“ so der Bluesrocker vom Prenzlauer Berg. Da lagen schon einige Jahre regen Altmärker Konzertlebens hinter seiner Band Freygang. Von Zienau, Sachau und Tangerhütte im Süden über Bismark, Packebusch, Kalbe und Osterburg bis nach Beetzendorf, Salzwedel, Mechau und Arendsee im Norden der Altmark – auf Open Airs, in Klubs und auf Privatfeiern lernte die Band um André Greiner-Pol (AGP) die Altmark kennen und lieben. Die Fans dankten es mit ehrlicher Hingabe und fester Treue – über Jahrzehnte. So pilgern  seit Jahren schon Familien in zwei Generationen zu Konzerten.
Angefangen hatte es 1977 in Berlin. Nach vergeblichen Versuchen sich in andere Bands einzuklinken, gründet Greiner-Pol schließlich seine eigene Combo: Freygang. Es folgten verschiedene Besetzungen und Auftritte mit Blues, Rock und Jazz in Gasthöfen und Jugendclubs. Zu DDR-Zeiten wechselten sich dann enorm erfolgreiche  Konzerte und Auftrittsverbote ab. Höhepunkt war wohl das legendäre Open Air in Ketzin vor über 7000 Fans 1983.
Bands aus der Altmark wie „Nachdurscht“, „Bordstein“, „Die Abgeordneten“, Gemeinschaft“ oder „Aktion Steinreich“  sahen auf zum Freibeuter aus Berlin und spielten  gern und oft mit Freygang zusammen. Und auch Menschen, die es nicht so oft auf Live-Konzerte der schafften, ließen sich leiten von der Freiheit Freygangs, die man sich nehmen muss. Roland Bosse, Vater von Freygang-Gitarrist Brian und selbst Gitarrist bei den Altmärkern „Old&Grey“  meint dazu: „Ich habe André und Gerry zum ersten Mal bei Pasch im Exlibris in Magdeburg im Januar 1988 erlebt. Dieses rotzige, trotzige und unangepasste Auftreten, seine Ausstrahlung waren immer das, was mich fasziniert hat, wahrscheinlich habe ich ihn auch damals schon bewundert und auch ein wenig beneidet für seine kompromisslose Haltung ohne Rücksicht auf die persönlichen Folgen. Dieser André Greiner Pol stach zu Zonenzeiten und auch danach unter Rockmusikern immer heraus. Wenn sich einer hat nie verbiegen und verführen lassen, dann ist er es“.

War Greiner-Pol Identifikationsfigur für die große Fangemeinde, so war Freygang auch im kleineren Rahmen für die große `Familie` da: Ob zur Verlobung von Frauke und Ameise 1992 in Calvörde, zu diversen Geburtstagen von Freunden in Schinne und Schernikau oder zur Hochzeit von Mieste und Anja Hotopp 2005 in Packebusch, Freygang kam mit Käptn AGP.

In seinem kleinsten Kreis hinterlässt André Greiner-Pol seine Freundin und Freygang-Managerin Delia Müller und Tochter Cayen.

In der Zeit vor der Wende führte die enge Bindung zu den Fans mitunter zu Vorfällen, bei der die Stasi ins Spiel kam. So 1988 als Torsten Grass (Oebisfelde), Tino `Papa` Heinrichs und Steffen ´Mieste` Riecke(beide aus Mieste) ihren Geburtstag gemeinsam mit ´ihrer´ Band Freygang feiern wollten. Nachdem Versuche die Party offiziell in Letzlingen, Osterburg, Stendal oder Mieste anzumelden, scheiterten, Getränke, Essen und Technik aber bereits bestellt waren, feierte man im Pfarrgarten der Evangelischen Kirche. Doch längst nicht alle Gäste erreichten ihr Ziel. In Schwerin, Stendal und Leipzig wurde nach Personenkontrollen Party-Verdächtige mit Reiseziel Mieste von der Transportpolizei festgenommen und zur Umkehr gezwungen. Betriebskampfgruppen aus Letzlingen lagen an der Bahnstrecke zwischen Solpke und Mieste, Hubschrauber der Grenztruppen kreisten über dem hermetisch durch Polizei abgeriegelten Dorf in der Sommerhitze. Wer doch sein Ziel erreichte, dem wurde der Ausweis abgenommen. Dies alles nur weil unangepasste Leute sich zu Bier und Musik treffen wollten. Begründung der drastischen Maßnahmen: Es würde ein geplanter gemeinsamer Grenzübertritt – Republiksflucht – erwartet. Letzte Zuckungen einer paranoiden Staatsmacht.

Die große Freygang-Familie feierte nicht von ungefähr ihren 30. Geburtstag in der Altmark. Im letzten Jahr organisierten die treuesten Fans das Jubiläumskonzert in Packebusch, Schwein am Spieß inklusive.


Ob des unerwarteten Todes konnte das vorweihnachtliche Konzert in Tanna bei  Zeitz am vierten Adventswochenende nicht mehr abgesagt werden, eine musikalische wie moralische Herausforderung für die Besatzung des Piratenschiffes Freygang: Egon Kenner (Gitarre), Tatjana Besson (Bass/Flöte), Maik Smolle (Drums) und Brian Bosse aus Mieste (Gitarre). Doch Brian ist nicht der einzige Altmärker der den Weg vom Fan bis zum Bandmitglied zurücklegte. Fester Bestandteil der Performance ist auch Ralf-Uwe `Ameise` Faatz. Meist spät am Abend entert der gebürtige Oebisfelder die Bühne und rockt auf seine eigene Art unter Einsatz seiner Mundharmonika. Auch Bandbus-Fahrer und Fan-Artikel-Verkäufer Torsten Grass nahm den Weg vom Oebisfelder Freygang-Fan nach Berlin zur Freygang-Familie. Ein sehr emotionales und professionelles Konzert bekamen die aus dem gesamten Bundesgebiet zusammen geströmten Fans da im „Kuhstall Tanna“ geboten. Trauernde und feiernde Herzen vereint im Tanz. Auch Tangerhütter, Stendaler und Wolmirstedter  waren vertreten.

Die Beisetzung von André Greiner-Pol fand auf dem Berliner Parochial-Friedhof statt. Organisiert von Delia, seiner Lebensgefährtin, und der Band, durften auch die Freunde des Kapitäns  die letzte Ehre erweisen. Gekommen waren fast 500 Menschen aus ganz Deutschland. Die Familie, Fans aus allen Bundesländern, ehemalige Weggefährten und Bandkollegen. Neben Rockern aus Brunau-Packebusch standen Musiker von Rammstein, Kirsche & Co. und In Extremo, neben Miester, Oebisfelder und Stendaler Fans die Bandkollegen von Freygang, Ichfunktion und der Firma. So hatte dieser Abschied auch etwas von Wiedersehen.


Auszug aus einem Artikel von Mieste:

http://mieste.wordpress.com/