Wasunger Karneval

 

Mal abgesehen von einzelnen Regionen z.Bsp. in der Lausitz oder in Thüringen, war die DDR in Sachen Fasching eher ein „Niemandsland“. Ich beispielsweise kann mit Kamelle, Büttenreden und Pappnasen heute noch nicht viel anfangen.

 

Wasungen, ein kleines Nest zwischen Eisenach und Meiningen, unweit der ehemaligen Staatsgrenze, galt jedoch in der DDR als DIE Faschingshochburg. Stolz verweist man in Wasungen auf eine Tradition, deren Anfänge bis in das Jahr 1524 zurück reichen. Der Verweis auf die lange Tradition – auch wenn es keine durchgängige Traditionslinie gab - und die sogenannte „Volkstümlichkeit“ des Wasunger Karnevals verschafften den Karnevalisten gewisse Freiräume, die es so andernorts in der DDR nicht gab. Noch heute zählt man in Wasungen 2000 Mitwirkende und mehrere Tausend Zuschauer.

 

Und genau jene Freiräume waren es, die die „Kuttenträger“ anlockten. Während der fünf närrischen Tage war die Sperrstunde offiziell aufgehoben und die Kleinstadt Wasungen wurde zu einer riesigen Kneipe. Alle 13 Kneipen und der Handel in der Stadt hatten Hochkonjunktur bis in die frühen Morgenstunden. Es herrschte quasi Ausnahmezustand. Während der Karneval anfangs nur von den Jugendlichen der näheren Umgebung frequentiert worden ist, tauchten Ende der 1970er Jahre die ersten „Kunden“ in Wasungen auf. Ausgerechnet der staatliche Jugendsender „DT64“ hatte mit einem Bericht über Wasungen eher unfreiwillig nachgeholfen. Schnell sprach sich das Ereignis in „Kundenkreisen“ herum. Der Wasunger Karneval wurde zum Mekka der „Kunden“ aus der ganzen Republik und fester Bestandteil im Terminkalender eines „Blueskunden“. Schon Anfang der 1980erJahre zog es hunderte „Grüne“, wie die „Kunden“ wegen ihrer Parkas von den Einheimischen genannt wurden, nach Wasungen oder „fielen in die Stadt ein“, wie das die Mehrheit der Einheimischen sah. Dennoch gab es unter ihnen auch einige, die sich mit den „Grünen“ arrangierten und ihnen beispielsweise Unterkunft gewährten. Den Kneipern der Stadt und dem Handel hingegen waren sie willkommen, machten diese doch in dieser Zeit das Geschäft des Jahres.

 

Auch der Staatsmacht waren die „Zugereisten“ ein Dorn im Auge. Jahr für Jahr wurde quasi ein Ring um Wasungen gezogen. Straßensperren und Zugkontrollen sollten die Einreise in die Stadt verhindern. Nicht wenige wurden schon in den Nachbarorten an der Weiterreise gehindert und zurückgewiesen. Dennoch wurde Jahr für Jahr der Zustrom immer größer. Oftmals auf abenteuerlich Weise erreichten immer mehr „Kunden“ ihr Ziel und feierten von Mittwoch bis Fastnacht Karneval in Wasungen auf ihre Weise. Wer es bis Wasungen geschafft hatte, befand sich quasi in einer geschützten, wenn auch überwachten Zone. 1983 zählte das Ministerium für Staatssicherheit 16 000 Besucher, darunter etwa 600 Jugendliche mit negativ-dekadenten Äußeren (Quelle: Hans-Joachim Föller, In: Lügensäcke Nov. 1999, Seite 31). Fünf Jahre später waren es laut MfS sogar 700 Jugendliche (Quelle: ebenda, S. 70).

 

Der Wasunger „Kundenkarneval“ hatte rein gar nichts mit Büttenreden und Funkemariechen am Hut. Die fehlende Sperrstunde, die fast durchgängig geöffneten 13 Kneipen der Stadt, die Häufung von genehmigten „Jugendtanzveranstaltungen“ und eine gewisse Zurückhaltung der Staatsmacht machten aus dem Wasunger Karneval ein Riesenhappening für die „Kunden“ aus allen Teilen des Landes, die ihrerseits die "Freie Republik Wasungen" ausriefen. In den größeren Kneipen wie dem „Hirsch“, dem „Paradies“ und der legendären „Suppenschüssel“ hatte man sich schnell auf sie eingestellt, erkundigte sich in der Szene danach welche Bands gerade angesagt waren, verpflichtete ausschließlich Rock- und Bluesbands der härteren Gangart und ließ die Säle bis morgens 5 Uhr oder noch länger offen. Wasungen war Anarchie pur und ging einher mit exzessiven Feten, bedingungslosem Alkoholkonsum, abenteuerlichen Nachtlagern und chaotischen Zuständen.

 

Dennoch verlief der„Kundenkarneval“ in der Regel friedlich. War doch der „Kunde“ an sich ein friedfertiger Mensch, der die Ideale der Hippiebewegung bis in die späten achtziger Jahre  hinüber gerettet hatte. Anders dagegen im Jahre 1988. Etwa 70 „Kunden“ hatten ein leer stehendes Haus besetzt, direkt an der Karnevalsumzugsstrecke. Mit reichlich alkoholischen Getränken ausgestattet saßen sie auf dem Dach, wovon sie den besten Ausblick auf den bald beginnenden Umzug hatten. Als die Polizei versuchte das Haus zu räumen, kam es zu einer regelrechten Straßenschlacht, bei der es mehrere Verletzte, sowie zerstörte Einsatzfahrzeuge gab. Erst nachdem die Polizei Verstärkung erhielt bekam sie die Lage in Griff, nahm alle „Kunden“ fest und brachte sie gewaltsam aus der Stadt. Der Karnevalsumzug fand in diesem Jahr erst mit erheblicher Verspätung statt.

 

1989 wurden nur noch vereinzelt „Kunden“ in Wasungen gesichtet. Ein Jahr später blieben sie ganz aus. Wasungen hatte seine Ventilwirkung verloren und war uninteressant geworden. Die Karnevalisten blieben fortan unter sich. Ein paar Freunde aus dem thüringischen Apolda zählten seit Jahren zu den Stammgästen in Wasungen. Sie griffen die Idee auf, und als sich 1986 im heimischen Apolda Möglichkeiten ergaben, feierten sie ihr „eigenes“ Happening. Es war die Geburtsstunde des „Apoldaer Bluesfasching“. Dieses Ereignis jährte sich inzwischen bereits zum 26. Mal. Mit 17 Bands an zwei Abenden und rund 600 Gästen ist der Bluesfasching in Apolda inzwischen zu einem der bedeutendsten Bluesfestivals im Osten geworden.

 

Wilfried Woigk: „Der Karneval in Wasungen war ein echter Härtetest. Wir mussten dort immer von 20.00 Uhr bis früh um sechse spielen. Die Blueser haben gesoffen, sich bepinkelt und mitten im Saal auch gebumst. An der Seite waren Regale aufgestellt, in die man die Schnapsleichen einfach reinschob. Bis sie wieder rauskletterten und weiterzechten…“

Quelle: Rauhut: Das Kunden-Buch, S. 138

 

(März 2012)

 

 

 

mit frdl. Genehmigung von "Jacce" aus Wasungen