Das Open Air in einem Waldstück nahe dem kleinen thüringischen Nest Steinbrücken besaß in der Szene mindestens einen ebensolchen Kultstatus wie Wasungen oder die Bluesmessen. Das lag mit Sicherheit an den Besonderheiten dieses Events. Während andernorts derartige Veranstaltungen in der DDR ein langwieriges Genehmigungsverfahren voraussetzten, kamen die Macher in Steinbrücken ganz ohne aus. Sie verzichteten auf jeglichen Kommerz, Werbung und Promotion, und sie deklarierten ihre Veranstaltung als „Privatfeier“. Erstaunlicherweise wurde dieser Umstand von den Behörden toleriert, auch dann, als der Zustrom bereits Tausende umfasste. Dieser „halblegale“ Status, der in der DDR wohl einmalig war, blieb bis zum Ende der DDR erhalten.

Mitte der 1980er Jahre lud Festivalgründer Uwe Hager erstmals Gleichgesinnte, von denen etwa Dreihundert gekommen waren, zu einem ganz privaten Happening in die „Wolfsschlucht“ ein. Der Alkohol floss reichlich. Für das „kulturelle Rahmenprogramm“ sorgten regionale Bands. Doch schon im darauf folgenden Jahr kamen tausende „Langhaarige“. Die Mund-zu-Mund-Propaganda hatte funktioniert. Und es kamen die Bands: Engerling, Monokel, Freygang… Bluesrock, Punkrock und Metal im friedlichen Miteinander. Steinbrücken wurde zum Eldorado alternativer Bands – mit oder ohne Spielerlaubnis. Die „Veranstalter“ scherten sich wenig darum. Recht bald hatte sich der „gute“ Ruf des Steinbrücken Open Airs auch unter den Bands herumgesprochen. Steinbrücken wurde zum Ende der DDR bis in die 1990er Jahre zum Anziehungspunkt der sogenannten „Anderen Bands“, wie „Die Firma“,„Feeling B“, „Tausend Tonnen Obst“ u.a. Damit nicht genug. Inzwischen war der Ruf Steinbrückens bis über die Staatsgrenze gedrungen. Die „Westbands“ reisten meist mit Touristenvisum ein, verzichteten auf Gage und spielten spontan oder auf Einladung in Steinbrücken, darunter „Rausch“ aus Köln, „Normahl“ aus Stuttgart oder „Abwärts“ aus Hamburg.

Der Verzicht auf jeglichen Kommerz und der „familiäre“ Charakter von Steinbrücken sind auch Grund dafür, dass das Open Air die politische Wende in der DDR unbeschadet überlebt hat, und bis in die Gegenwart der „Geheimtipp“ geblieben ist. Das Steinbrücken Open Air hatte nie den Anspruch ein „Rock am Ring“ des Ostens werden zu wollen. Es ist bis ins letzte Jahr geblieben, was es immer war: ein ganz „privates Happening“. Neben dem mehrtägigen Festival hat sich inzwischen der alljährliche „Maisprung“ mit der „Freygang-Band“ am Vorabend des 1. Mai in Steinbrücken etabliert.

(April 2012)


In 2013 war zu vernehmen, dass dies das letzte Jahr für das legendäre Steinbrücken Open Air sei. Nun ereilte uns die Nachricht: Es geht weiter! Die Söhne übernehmen den 'Laden'.

(Januar 2014)