Wie die meisten musikbegeisterten Jugendlichen meiner Generation, erlebte ich die Anfänge des Rockzeitalters bewusst mit. Über unsere westlichen Rockidole fanden wir zum Blues. Inspiriert von den weißen Bluesbarden begaben wir uns alsbald auf Spurensuche nach den Wurzeln des Blues. Und von dort bis zum Jazz war es nur ein kleiner Schritt.

So „arbeitete“ ich mich Anfang der 1970er Jahre durch alle Stilrichtungen des Jazz. Lange Zeit war der Jazz in der DDR offiziell als „Negermusik“ verpönt und fand eher im Verborgenen statt. Dank einiger Enthusiasten änderte sich das in den 1960er Jahren, obwohl er noch bis in die 1970er Jahre ein Nischendasein führte – eher geduldet, statt gefördert. Erst auf der 1. Konferenz der Unterhaltungskunst in der DDR 1978 wurde auch der Jazz offiziell als förderungswürdige Unterhaltungsmusik anerkannt. Umso verwunderlich mutet es an, dass auch in der DDR damals schon eine recht ausgeprägte Jazzszene existierte. So machte ich meine „Bekanntschaft“ mit Ruth Hohmann, „Papa Binne“, den „Jazz-Makers“ und der „Tower Jazz Band“. Ich besuchte Konzerte von Klaus Lenz, Uschi Brüning, Günther Fischer; tat mir auch Uli Gumpert, Friedhelm Schönfelder und/oder Günter „Baby“ Sommer an. Meinen Frieden aber fand ich bei „Panta Rhei“, „Fusion“, „SOK“ und „Bergendy“. Irgendwann Mitte der 1970er Jahre landete ich auch in Peitz, einem kleinen Nest in der Nähe von Cottbus. Damals steckte die „Jazzwerkstatt Peitz“ sozusagen noch in den Kinderschuhen.

Anfang der 1970er Jahre fanden sich in Peitz ein paar jugendliche Jazzliebhaber um Ulli Blobel und Peter „Jim“ Metag zusammen. Ab 1973 organisierten sie monatliche Konzerte und Jazzworkshops im damaligen „Kino des Ostens“. Diese Veranstaltungen fanden unerwartet einen enormen Zuspruch, waren regelmäßig ausverkauft und entwickelten sich in kürzester Zeit zu einem Podium für Free Jazz und improvisierter Musik. Zur ersten Veranstaltung im Juni 1973 spielten die „Ulrich-Gumpert-Big-Band“ und die „Manfred-Schulze-Formation“. War Peitz anfangs ein Treffpunkt der DDR-Jazzer, so drang sein Ruf bald über die Staatsgrenze in Richtung Osten, später auch nach dem Westen.  Jazzer, wie Klaus Lenz, Ulrich Gumpert, Manfred Schulze, „Hans“ und „Conny“ Bauer, „Baby“ Sommer,  Joe Sachse, Ernst-Ludwig Petrowsky und Friedhelm Schönfeld gaben sich die Klinke in die Hand. Bald erwies sich das Kino als zu klein, sodass die Organisatoren nach neuen Wegen suchten. 1976 fand das erste Jazz-Open Air in Peitz statt. War es anfangs nur ein Konzert, fanden gegen Ende der 1970er Jahre sogar mehrere Open-Air-Konzerte im Jahr statt. Den Jazzern erschlossen sich neue Möglichkeiten. Peitz entwickelte sich in kürzester Zeit zum Jazz-Mekka der DDR, einem Treffpunkt der europäischen Jazz-Avantgarde, auf dem sich die Elite aus Ost- und Westeuropa die Hand reichte. Und genau das wurde zum Problem für die Organisatoren.

Und nicht nur das. Kaum waren die ersten Open-Air-Konzerte in Peitz „gelaufen“, bekamen auch die „Blueskunden“ davon Wind.  Schon kurze Zeit später pilgerten sie zu Hunderten nach Peitz. Auf dem Höhepunkt Ende der 1970er Jahre zählten die Veranstalter bis zu 5000 Besucher. Viele von ihnen waren der „Kundenszene“ zu zurechnen. Für sie stand die Musik eher im Hintergrund. Peitz wurde zu einem Riesen-Happening; einer Spielwiese für die jugendlichen Blueser und Kunden – zu einer Art „Woodstock im Spreewald“. Peitz war ein weiteres Synonym für unangepasste Lebensweise geworden. Der massenhafte Zulauf stellte die Organisatoren alljährlich vor enorme Probleme. Nicht nur, das die Staatsmacht das „bunte Treiben“ argwöhnisch beobachtete;  die Organisatoren hatten auch zunehmend erheblich Schwierigkeiten die Versorgung der Besucher sicher zu stellen. Ulli Blobel erinnert sich: „Bald erwiesen sich auch die 3 000 Flaschen Rosenthaler Kadarka (bulgarischer Rotwein), die wir mühselig das ganze Jahr über zusammengetragen hatten, als zu wenig, um die Besucher mit Flüssigem zu versorgen.“

Der Mythos Peitz hielt sich immerhin fast neun Jahre lang. 1982 wurde die weitere Durchführung der Veranstaltung – ohne nähere Begründung – polizeilich verboten.  In dem beschaulichen Städtchen Peitz zog wieder Ruhe ein. Das Gebiet um Peitz umfasst ca. 1000 ha Teiche, ist damit das größte zusammenhängende Teichgebiet Europas und zieht heute nur noch maximal beim alljährlichen Abfischen Neugierige an.

Blobel reiste 1984 in die Bundesrepublik aus. Er leitet heute den „Förderverein Jazzwerkstatt Berlin – Brandenburg“. In 2011 gab es erstmals ein Comeback-Konzert mit Peitzer Veteranen. 

Nachlesen kann man dies und mehr in:

"Woodstock am Karpfenteich. Subkultur hinter dem Eisernen Vorhang"

Ulli Blobel (Herausgeber)

Jazzwerkstatt

28.04.2011

ISBN-13 987-3000 344 053

(August 2012)