Berlin oder Die Kehrseite der Medaille

 

Berlin ist die Stadt, die niemals schläft. Und sie hat (fast) alles.

Zum Beispiel das modernste Unfallkrankenhaus in ganz Europa. Gut zu wissen; besser es nicht zu brauchen. In Berlin steht Europas größtes Shopping-Center. Wer es braucht! Unlängst wurde Europas größter Indoor-Hochseilgarten eröffnet. Doch wer will schon klettern? Nur mit dem größten Flughafen will es nicht so richtig klappen.

Nein, die Stadt hat auch anderes zu bieten: interessante Menschen, eine herrliche wald- und wasserreiche Umgebung und vor allem ein riesiges Kulturangebot.

Obwohl immer mal wieder Liveklubs in Berlin sterben - unlängst wurde das Kunsthaus „Tacheles“ endgültig zwangsgeräumt -, kann man in Berlin noch immer täglich Livemusik konsumieren. Oftmals sogar hat man die Qual der Wahl. Und das ist gut so!

 

Doch was uns als Konzertbesucher freut, ist harter Kampf für die Bands und ihre Manager. Die Jagd nach bezahlten Gigs lässt sie fast verzweifeln und ist vor allem für junge bzw. neue Bands oder auch auswärtige Bands fast aussichtslos. In Berlin herrscht ein deutliches Überangebot. Wer es dennoch schafft, muss sich oftmals damit abfinden für „lau“ oder gar leeren Häusern zu spielen. In manchen Berliner Etablissements muss eine Band sogar bezahlen, um dort auftreten zu können.

 

Neulich, im Gespräch mit dem Bassmann von „Footsteps“ meinte ich im Hinblick auf ihren prall gefüllten Terminkalender, sie hätten es nun geschafft. Er antwortete: „Geschafft haben wir es erst, wenn wir auch von der Musik leben können“. Davon leben, können wohl die wenigsten Musiker.

So erlebt man auch als „nur“ Konzertbesucher in Berlin oft genug Eigenartiges, was mich nachdenklich stimmt.

 

Als kürzlich die „Joris Hering Blues Band“ in der „Kiste“ spielte, waren ganze 20 Leute gekommen, und das obwohl der Eintrittspreis nicht viel mehr als zwei Bier betrug. Nun könnte man meinen, es läge am Bekanntheitsgrad einer Band. Wohl eher nicht. Ein paar Tage später spielte an gleicher Stelle Ex-Pond Mann Harald Wittkowski mit seiner Band „Piano Power Station“. Ihn traf es noch härter. Sie spielten vor nur 3 (!) Zuschauern, aber die Musiker blieben unbeeindruckt und spielten wie die Teufel. Anerkennung, meine Herren!

 

Als vor zwei Jahren „Hogjaw“ erstmals nach Deutschland kamen, war der harte Kern der Berliner Southern Rock-Fangemeinde schon wochenlang vorher in Aufruhr. Doch wo spielt die Band: ausgerechnet in einem ehemaligen Chinarestaurant auf der Schönhauser. Der Saal voller Burger-mampfender Touris. Statt Southern-Feeling spüre ich noch heute, wie es mir den Magen umdreht, wenn ich daran zurück denke. Übrigens nicht viel anders ist es mir zumute, wenn „Renft“ im „Neu-Helgoland“ vor eisbeinessendem Publikum - die Tische mit weißen Damast gedeckt - rockt.

 

Wie formulierte es Stefan Trepte (electra) einst: „Musik machen ist nicht schwer, sie zu verkaufen schon.“

 

(September 2012)