www.magascene.de Nov.2012

Im Interview: Epitaph

Uns kann nichts mehr schocken…

Wenn am 27.11. Epitaph die Bühne des Capitol entern, kommt eine Band nach Hause, die zwar ursprünglich nicht aus Hannover stammt, aber doch die Entwicklung der hiesigen Rock­szene zu Beginn der 70er Jahre geprägt hat wie kaum eine andere. Drummer Jim McGillivray, Bassist Bernd Kolbe und Gitarrist Cliff Jackson spielten Rock’n’Roll – und lebten Rock’n’Roll als Wohngemeinschaft in der legendären „Mülltonne“ auf der Lister Meile. Der Lohn für die Mühen ließ mit einem Plattenvertrag bei der Polydor nicht lange auf sich warten. „Den Vertrag hat damals ein gewisser Jürgen Drews ausgedruckt und seinem Chef gegeben“, erinnert sich Cliff vergnügt lächelnd. „Für mich hat mein Vater unterschrieben, weil ich noch nicht volljährig war“, erzählt Bernd. „Er wusste allerdings gar nicht, was er da unterschreibt. War wahrscheinlich auch besser so.“

Seit über 40 Jahren sind Epitaph – mit Pausen – im Geschäft. Nach etlichen Umbesetzungen stehen mit Bernd und Cliff heute wieder zwei Gründungs­mitglieder auf der Bühne. Das Quartett komplettieren Gitarrist Heinz Glass und Schlagzeuger Achim Poret. Für ihr Heimspiel haben sich Epitaph einiges vorgenommen; so werden sie sich u.a. die Bühne mit alten Weg­gefährten teilen.

Im Gespräch mit uns erzählen Achim, Bernd und Cliff aus ihrer bewegten Bandgeschichte; vom Leben in der „Mülltonne“, in den USA, in der Lüneburger Heide … Und sie verraten, wie sie es auf die Titelseite des amerikanischen „Rolling Stone“ geschafft haben.

Interview, Text und Fotos: Jens-C. Schulze 

Das Interview wurde am 16.7.2012 bei der ZAG Stiftung Pro Chance geführt, zu deren Gunsten das Konzert am 27.11. im Capitol stattfindet.

magaScene: Achim, Bernd, Cliff, Epitaph wurde in einer Zeit gegründet, als sich die Jugend der Welt aufmachte, selbige zu verändern…

Jackson: Gründungsjahr war 1969, in der Tat eine sehr bewegte Zeit! Hervorgegangen ist Epitaph aus der Coverband Red Roosters.

magaScene: Geburtsort von Epitaph war aber nicht Hannover, auch wenn ihr hier groß geworden seid.

Kolbe: Wir kommen eigentlich aus Dortmund, sind aber recht früh, 1970, nach Hannover gegangen.

Jackson: Werner Kuhls, der Boss des damaligen Clubs Mülltonne, holte uns nach Hannover. Wir hatten dort mal ein paar Abende hintereinander gespielt, und ihm hat das so gut gefallen, dass er uns angeboten hat, in der Mülltonne als Hausband zu spielen. Das heißt, wir spielten jeden Tag – am Wochenende als Vorband. Da kamen dann Bands wie Uriah Heep und andere englische Top Acts. Und da wir eh jeden Tag dort auftraten, haben wir auch gleich über der Mülltonne gewohnt. 

Kolbe: Das war unheimlich vorteilhaft, da wir auch tagsüber dort proben konnten. Zudem hatten wir die Möglichkeit, alle angesagten Bands sehen zu können, ohne Eintritt zahlen zu müssen.

magaScene: Schließlich bekamt Ihr einen Platten­vertrag.

Jackson: Werner Kuhls hatte uns an Polydor vermittelt, dort bekamen wir einen Deal. Wir sagten uns, was Scorpions und Jane schaffen, können wir auch. Allerdings wurden wir als englische Band gehandelt. Im Vertrag stand explizit, dass Bernie kein Deutsch sprechen durfte.

Kolbe: Plötzlich war ich Brite (lacht). Fiel mir ja nicht schwer, mit zwei Engländern an meiner Seite.

magaScene: Wie kam man denn als Jugend­licher in den 60erJahren zur Musik? Aus Mangel an anderen Freizeitmöglichkeiten? Aus einer Protesthaltung heraus?

Kolbe: Es gab Kino, es gab Fußball, es gab Musik. Und mich haben weder Kino noch Fußball sonderlich interessiert. Dann kaufte ich mir meine erste Single, „Travellin’ Man“. Ich fand den Song so gut, dass ich beschloss, auch Musik zu machen. Protest war das in der Zeit nicht. Mitte der60er gab es fast nur Coverbands in Deutschland; da ging es darum, Spaß zu haben und andere zu unterhalten.

Jackson: Es gab ja damals keine Discos wie heute, in denen die Musik vom Plattenteller kommt. Es spielten – in Läden wie eben der Müll­tonne – immer Live-Bands, und die Leute haben dazu getanzt, selbst zu Pink Floyd-Songs oder dem Iron Butterfly-Hit „ In A Gada Da Vida“. In Dortmund gab es beispielsweise das Fantasio, ein umgebautes Kino, in dem Bands wie Black Sabbath oder Yes und eben auch die „britische“ Band Epitaph aufgetreten sind.

magaScene: Wie sahen Konzerte damals aus? Gab es schon professionelles Equipment? 

Jackson: Wir hatten unsere eigene PA, zwei 400 Watt-Boxender Firma Hiwatt. Damit haben wir immerhin 2.000 Leute in der Nieder­sachsen­halle beschallt. Das ging durchaus. Heute reicht das gerade mal als Monitor-Anlage.

Kolbe: Auch gibt es heute eine Lightshow. Früher haben Bands bei Hallenlicht gespielt. In der Regel war das weiße Neon-Beleuchtung.Stim­mungs­voll wurde das nur durch den vielen Qualm der Raucher.

Poret: (lacht) Mittlerweile nimmt man dafür Nebel­maschinen; in den Hallen darf ja nicht mehr geraucht werden.

magaScene: Der Show-Effekt war früher also nebensächlich?

Kolbe: Absolut, es ging um die Musik. Es ging nicht um die perfekte Show.

magaScene: Wann ward Ihr, wann waren andere Bands soweit, nicht mehr als reine Coverband zu spielen?

Jackson: Zum einen hatten die Bands, auch wir, irgendwann keine große Lust mehr, immer nur andere Songs nach zuspielen. Zum anderen stiegen auch die Ansprüche beim Publikum. Veranstalter haben eine Band nur noch gebucht, wenn sie eigene Songs machte. So kamen ja auch Bands wie Jane, Eloy oder Dull Knife dazu, eigene Songs zu spielen.

magaScene: Zu den genannten Bands hattet Ihr immer guten Kontakt.

Jackson: Wir waren so eine Art Familie. Gegenüber des Clubs Mülltonne gab es die Kneipe Blockhütte, eine richtige Musiker­kneipe, da trafen sich all die Leute.

Kolbe: Oder sie trafen sich bei uns in der Mülltonne. Alle hannoverschen Musiker kamen bei uns vorbei. Michael Schenker beispielsweise, der zu der Zeit noch blutjung war. Er ging immer zuerst zu Cliff, ließ sich irgendwelche Akkorde zeigen. Der Zusammenhalt der hannoverschen Szene war damals sehr groß.

magaScene: Später änderte sich das, machte der Begriff der Muckerpolizei die Runde. Musiker, die vor allem damit beschäftigt schienen, Kollegen zu kritisieren.

Kolbe: Ja, das war schlimm. Einer der beliebtesten Sprüche jener Zeit war: „Wir haben Band xy an die Wand gespielt.“

magaScene: Woher kam der Wandel von der Com­munity hin zum bloßen Konkurrenzdenken?

Jackson: Ein Grund war das viele Geld, das man mit Musik verdienen konnte – oder eben auch nicht, wenn man nicht angesagt war. Neid sorgt immer für schlechte Stimmung.

Kolbe: Ein anderer Grund war das Ego vieler Musiker damals.Da gab es doch eine Reihe von Kollegen, die glaubten, zum Rockstar berufen zu sein und meinten, ihren „eigenen Weg“ gehen zu müssen. Das äußerte sich aber meistens allein darin, andere runter zu putzen, meist nicht offen, sondern hinter vorgehaltener Hand. Ein völlig verkorkstes Denken. Das war nie unsere Sache.

magaScene: Habt auch Ihr erlebt, dass Euch Kollegen geschnitten haben?

Jackson: Wir hatten schon ein bisschen Vorbild-Charakter,wir waren in den USA, wir hatten Tourneen mit allen damaligen Top-Bands absolviert. Und auch schon, bevor wir nach Hannover kamen, hatten wir mit Leuten wie Chuck Berry oder Rory Gallagher gespielt. Ich würde aber nicht sagen, dass es Kollegen gegeben hat, die uns das nicht gegönnt hätten.

magaScene: Habt Ihr immer nur als Support-Band getourt oder hattet Ihr auch eigene Tourneen?

Kolbe: Natürlich haben wir auch eigene Tourneen gemacht.Aber mit diesen Größen spielen zu können, diese Leute dadurch auch etwas näher kennen lernen zu können, war etwas Besonderes. Die Gelegenheit hatten nicht viele Bands in Deutschland.

magaScene: Wie seid Ihr an diese Jobs gekommen? Half das alte Polydor-Image einer „britischen Band“?

Jackson: Das verdankten wir unserem Manager Werner Kuhls,der damals als Impressario ziemlich erfolgreich im Veran­staltungs­bereich aktiv war.

magaScene: Wie wichtig war es eigentlich für eine Band, aus Hannover zu kommen? Damals wurde der Begriff „Rock City“ geprägt, der bis heute gewissermaßen als Gütesiegel der hiesigen Szene die Runde macht.

Kolbe: Das hat schon geholfen, weil wir ein Teil dieser Rock City waren. Dieses Image kam ja nicht über Nacht, sondern hat sich über Jahre aufgebaut.Und zusammen mit anderen Bands waren wir an diesem Aufbau beteiligt.

Jackson: Hannover war damals der Nabel der Rockwelt in Deutschland; nicht München, nicht Köln, nicht Hamburg. Hannover hatte ein ganz besonders Feeling. Ich denke, das lag daran, dass die Szene hier auf der einen Seite erst einmal in Ruhe wachsen konnte; und auf der anderen Seite sehr offen gegenüber Einflüssen von englischen, aber auch amerikanischen Bands gewesen ist. Der Wirt der Blockhütte etwa hatte beste Beziehungen in die USA und hatte immer die neuesten Ami-Platten im Laden. Musik, die man sonst gar nicht zuhören bekam. Diese Musik hat uns alle inspiriert.

magaScene: Neue Musik zu entdecken, war in Zeiten, in denen es nur mehr oder weniger verstaubtes Radio gab, sicherlich nicht so einfach?

Kolbe: Man musste sich schon bewegen, um Neues kennenzulernen, besonders in den 60er Jahren. Ich bin als 15-Jähriger nach London getrampt, war im legendären Marquee-Club. Im Ruhrgebiet war man komplett von Rock’n’Roll abgeschnitten. Hamburg war da zum Beispiel immer aufgrund des Hafens und der vielen Seeleute, die aus aller Welt Dinge mitbrachten, so auch den Rock’n’Roll aus Amerika, immer mindestens einen Schritt voraus.

magaScene: Epitaph waren sehr früh, 1973, zweimal in den USA auf Tournee. Hat auch da Werner Kuhls den Weg geebnet?

Jackson: Nein. Unsere ersten beiden Alben sind von der Company Billingsgate Records in Chicago gekauft worden. Der Chef der Company, Gary Pollack, kam nach Deutschland und hat sich ganz gezielt eine Band gesucht,die er in den Staaten promoten und groß herausbringen wollte.

magaScene: Und hat sich für Epitaph entschieden?

Jackson: Er hatte sich wohl einige Bands angeschaut. Nach einem Gig in Berlin kam er hinter die Bühne…

Kolbe: Er sagte: „Hallo, ich bin Gary Pollack von Eurer amerikanischen Plattenfirma. Habt Ihr Lust, in den USA zu spielen?“ Wirf ragten: „Wann?“ Er antwortete: „In sechs Wochen.“ Wir dachten: „Was ist das denn für ein Psychopath?“ (lacht)

Jackson: Aber sechs Wochen später waren wir in Chicago; und innerhalb eines halben Jahres waren wir dort ein großer Act.

magaScene: Wie kam Gary Pollack auf die Idee, eine deutsche Band in die USA holen zu wollen? Bands gab es doch dort schon zur Genüge.

Poret: Natürlich gab es die. Er hat einfach nach einer Marktlücke gesucht. Und deutsche Bands waren ja nicht gänzlich unbekannt in den USA, sondern Bands wie Neu und allen voran Kraft­werk hatten schon damals Kultstatus in den Staaten.

magaScene: Wie viele Shows habt Ihr in den USA gespielt?

Jackson: Reichlich. Wir hatten einen Vertrag bei Billingsgate Records unterschrieben und unser drittes Album „Outside The Law“dort produziert, das sehr erfolgreich war. Chicago ist Rock City in den USA;was von dort kommt, hatte immer schon ein besonderen Ruf. Wir waren so stolz,in den USA Fuß fassen zu können.

magaScene: Und trotzdem blieb, anders als später bei den Scorpions, der große Durchbruch aus. Woran lag das?

Kolbe:  Wie so oft im Rock’n’Roll-Business hing es am Geld: Billings­gate Records ging pleite, und damit fehlte uns der nötige Rückhalt in den Staaten.

magaScene: Immerhin habt Ihr es noch auf das Cover des amerikanischen Rolling Stone gebracht…

Kolbe: (lacht) Ja, eine schöne Story. Wir spielten seit Anfang der 70er Jahre oft mit Golden Earring zusammen. Sie spielten damals live eine – ziemlich lange – Nummer, die es nicht auf Platte gab. Wir sagten immer:„Der Song ist großartig, den müsst Ihr veröffentlichen!“ „Ach nee, ist doch viel zu lang, den spielt doch eh kein Radiosender.“ Schließlich gaben sie unserem Genörgele nach und brachten diesen Song heraus. „Radar Love“ heißt das Stück; und heute weiß jeder, welch Mega-Hit das geworden ist. Auch in den USA ging die Nummer unglaublich ab – und brachte der Band u.a. ein Titelabbildung auf dem Rolling Stone ein. Dort halten sie unser Album „Outside The Law“ in Händen und zeigen mit Daumen hoch darauf. Ihre Art, sich bei uns zu bedanken.

magaScene: Welche Erfahrungen Eures USA-Aben­teuers sind Euch positiv in Erinnerung geblieben?

Jackson: Wir haben gelernt, was es heißt, eine Rock­show auf der Bühne zu inszenieren. In Deutsch­land reichte es immer, nur auf der Bühne zu stehen und die Songs runter zuspielen. Das amerikanische Publikum war da ganz anders; die wollten, dass Du auf der Bühne blutest. Du musst da hart arbeitet; da rollt dir keiner den roten Teppich aus, nur weil Du der oder der bist.

Kolbe: Und als deutsche Rock’n’Roll-Band ganz besonders. Das ist ja so, als wolltest Du Coca Cola nach Amerika verkaufen. Die USA-Jahre waren dennoch sehr gut für unser Selbst­bewusstsein. Wir haben gezeigt, dass wir auch in den USA bestehen können; wir haben viele Kollegen kennen gelernt, haben zum Beispiel „Outside The Law“ eingespielt, während zeitgleich im selben Studio Lynyrd Skynyrd „Sweet Home Alabama“ aufnahmen.

magaScene: Wie haben Euch die Kollegen in Deutschland empfangen. Amerika galt früher für hiesige Bands als das gelobte Land in Sachen Rock’n’Roll. Alle träumten davon…

Kolbe: …und wir waren die ersten, die da waren, noch vor den Scorpions. Wir haben praktisch die Pionierarbeit geleistet, haben für deutsche Bands die Türen geöffnet. Und es gab auch einige Kollegen, die danach neugierig um uns rum geschlichen sind, und unbedingt wissen wollten, wie es denn nun gewesen ist. Inga Rumpf beispielsweise wollte es ganz genau wissen, sie plante wohl selbst, in den Staaten ihr Glück zu versuchen. Im Großen und Ganzen aber verhielten sich die Kollegen hierzulande nicht anders als vorher zu uns.

magaScene: Nach dem jähen Ende des USA-Engagements hat sich die Band jedoch aufgelöst. War der Frust doch zu groß?

Kolbe: Die Enttäuschung war schon groß; und zurück in Deutschland erlebten wir, dass wir hier den Anschluss verpasst hatten. Es hat keiner auf uns gewartet, das Geschäft ging natürlich hier auch ohne uns weiter.Das hatten wir gar nicht bedacht, als wir in den USA waren. Aber aufgelöst ist nicht richtig. Wir haben einfach mal eine Pause gemacht. Wir hatten uns von unserem einstigen Manager Werner Kuhls getrennt – er wollte uns immer zurückholen, wir wollten in den Staaten bleiben. Wir waren also erst mal ohne Management, damit aber auch ohne Ver­pflichtungen.

Jackson: Ich blieb noch ein paar Wochen in den Staaten und habe dann eine komplette Auszeit genommen und bin für einige Zeit nach Indien.

Kolbe: Der Rest der Band ließ es sich in der Lüneburger Heide gut gehen. Und als Cliff dann wieder zurück kam, ging es auch mit Epitaph weiter. Ein wirklicher Bruch kam erst später, als zunächst Jim McGillivray ging– Achim war Ende 1973 ausgestiegen…

Poret: …ich hatte mich verliebt und meine Prioritäten neu definiert. Musik schaffte es nur auf Platz zwei…

Kolbe: …und kurze Zeit später verließen Klaus Walz und ich die Band und Harvey Janssen und Fritz Randow von Eloy kamen dazu.

magaScene: Warum seid Ihr ausgestiegen?

Kolbe: Wie eben erwähnt lebten wir alle zusammen auf dem Land, hatten eine alte Schule angemietet. Ich hatte keine Lust mehr dazu, ich wollte nicht mehr auf dem Land leben, ich wollte zurück nach Dortmund. Es war also nicht so, dass mir die Musik von Epitaph keinen Spaß mehr machte. Aber das Zusammenleben … Wir waren ja Tag und Nacht zusammen, Cliff und ich seit Mitte der 60er Jahre, wir brauchten einfach einen Break. 1981 erst fanden wir wieder zusammen.

magaScene: Wie kam es eigentlich, dass damals – nicht nur Epitaph – Bands auch zusammen gelebt haben?

Poret: Du hast eine Antwort mit Deiner Eingangs­frage schon gegeben, denke ich. Es war eine Haltung, eine Form von Protest gegen althergebrachte Lebensformen. Wir wollten nicht so leben wie die Elterngeneration. Wir hatten andere Vorstellungen von Familie. Man könnte auch sagen: das klassische Hippie-Ding.

Kolbe: Wobei man nicht verschweigen sollte, dass es für Bands auch eine Kostenfrage war. Sich irgendwo auf dem Land für wenig Geld ein großes Haus für alle zu mieten, sparte einen Haufen Geld. Unser Haus hatte 14Zimmer plus Probe­raum und großem Grundstück – und kostete 360 Mark Miete.

Jackson: Sehr viele Bands haben damals so gelebt: Nektar, Frumpy, Kraan, Amon Düül, Ton Steine Scherben. Da steckte aber auch viel Lebensgefühl mit drin. Ein Band zu sein, hieß eine große Familie zu sein, alles miteinander zu teilen.

magaScene: Wie sehr hat Rock’n’Roll die Welt seit den 50ern verändert?

Kolbe: Ich sage mal so: Er hat dazu beigetragen, die Welt zu verändern. Andererseits würde sich die Welt auch ohne Rock’n’Roll weiter drehen.Man sollte das nicht glorifizieren.

magaScene: Anders gefragt: Wie sähe die Welt ohne Rock’n’Roll aus?

Jackson: Wie Nord-Korea. Langweilig, uniform, immer im Gleichschritt.

Kolbe: Ja, auf jeden Fall steifer, nummerierter. Rock’n’Roll hat die starre Form des Zusammen­lebens schon gesprengt. Als Kinder haben wir ja die muffige Zeit noch voll mitbekommen; und plötzlich merkte man, da ist was in der Luft.

Poret: Die Veränderungen wurden greifbar, und Rock’n’Roll war ein großartiger Weg, dem Verlangen nach Veränderung Ausdruck zu verleihen.Das war einfach zwangsläufig. Aus der althergebrachten klassischen Musik kam ja nichts Neues, das war rückwärts gewandt. Wir wollten aber vorwärts, da war Rock’n’Roll der ideale Weg­weiser.

magaScene: 1981 habt Ihr Euch wieder zusammengefunden und mit „Danger Man“ ein neues Album eingespielt, das jüngst als CD wieder veröffentlicht worden ist – um später dann unter dem Bandnamen Domain bis1992 diverse Platten zu veröffentlichen.

Jackson: „Danger Man“ nahmen wir in der Besetzung mit Klaus Walz und Norbert Lehmann auf. Danach spielten wir im Horus Studio von Frank Borne­mann neue Songs ein. Frank meinte, das klänge gar nicht mehr nach Epitaph – wir hatten viele Keyboards und kaum noch Gitarren – , wir sollten uns besser einen neuen Namen suchen (lacht). Also nannten wir uns zuerst Kingdom, dann Domain. Es gab schon eine Band, die die Bezeichnung Kingdom im Band­namen hatte. Als Domain waren wir sehr erfolgreich, haben reichlich Platten verkauft und auch etliche Videos gedreht.

magaScene: Videos … Das heißt, Ihr saht optisch so aus wie alle anderen Hardrock-Bands dieser Zeit? Die sogenannte Königspudelphase.

Kolbe: Das war halt die Zeit, alle waren gleich gestylt. Das hat aber niemand so richtig vorgegeben, es hat sich einfach so entwickelt.

magaScene: Und plötzlich war das Thema Hardrock tot, hat es in den 90er niemanden mehr interessiert.

Kolbe: Absolut, das war ein ganz dunkles Loch.

Poret: Wie eine Schublade, die plötzlich zugemacht wurde.Dafür ging eine andere auf, in der Grunge und Alternative steckten. Das ist aber immer schon so gewesen. Erst gab es Beat, und plötzlich nicht mehr; es gab mit plötzlich Punk, der dann über Nacht wieder in der Versenkung verschwand usw. Jede Generation hat ihre eigenen Moden. Und manchmal werden Schubladen ja auch wieder geöffnet.

magaScene: Was habt Ihr in den 90ern getrieben?

Kolbe: Hier und da gespielt, versucht, im Geschäft zubleiben.

Jackson: Ich hatte ein Musikgeschäft in Unna. Da ich 60.000 Mark Schulden hatte, musste ich anfangen zu arbeiten (lacht).

magaScene: Seit dem neuen Jahrtausend erleben Hardrock und Heavy Metal ein Revival und begeistern mehr Fans als je zuvor. Auch Epitaph kamen 2001 mit einem Live-Album zurück ins Geschäft. Wie erlebt Ihr heute das Rock-Business?

Kolbe: Gelassen. Uns kann nichts mehr schocken. Wir haben alle Phasen durch. Gute Zeiten, in denen wir ordentlich Geld verdient haben.Schlechte Zeiten, in denen alles den Bach runter ging, wir gar kein Geld verdient haben und am Ende verschuldet waren, wie Cliff ja gerade erzählt hat.Aber nichts hat uns je abgehalten, weiter Musik zu machen.

magaScene: Was hättet Ihr mit dem Wissen von heute  in Eurer Karriere anders gemacht?

Poret: Ich denke, das betrifft hauptsächlich kaufmännische Dinge. Wir hatten nie so den Controller in der Band, der mit klarem Kopf gesagt hätte, wir müssten diese oder jene Richtung einschlagen.

Kolbe: Es wäre in der Tat gut gewesen, wenn wir uns vertraglich besser ausgekannt hätten. So haben wir uns immer auf Leute verlassen, von denen wir dachten, dass sie uns Gutes tun – was nicht immer der Fall gewesen ist…

Jackson: …den ersten Management-Vertrag hatten wir mit einem gewissen Udo Fischer – ein kriminelles Arschloch! Von den riesigen Vorschüssen, die wir von der Polydor und dem Musikverlag bekommen hatten, haben wir keinen Pfennig gesehen, hat alles Udo gebraucht, um Schulden zu zahlen, die er bei anderen Musikern hatte und die ihm drohten, ihn umzubringen. Wir haben das bei einem England-Aufenthalt selbst hautnah mitbekommen.

Kolbe: Letztlich aber ist diese Frage ganz schwer zu beantworten. Mag sein, dass du die eine Sache besser machst; dafür aber machst du dann an anderer Stelle irgendwelche Fehler, von denen du dann später wieder sagst: „Wie konnten wir nur?“

magaScene: Kommt das Wort „Rente“ in Eurem Denken vor? Warum macht Ihr noch Musik?

Poret: Rente? Nicht wirklich.

Jackson: Warum macht Mick Jagger noch Musik?

Kolbe: Musik ist eine Liebe von uns. Sonst hätten wir nicht ausgehalten, was wir alles durchgestanden haben. Musik ist kein bloßer Zeitvertreib für uns, sie beinhaltet alles: Herz, Geist, den Willen, sich auszudrücken. Rock ’n’ Roll ist ein Lebens­gefühl, das kann man nicht einfach aufgeben.

EPITAPH - Die Story

 

Ein erstklassiges Bandporträt auf www.krautrockseite.de....

 

siehe: HIER

 

(Januar 2016)