Die Ostberliner Bluesmessen

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In den 1960er Jahren erlangte der Blues in der DDR zunehmend offizielle Anerkennung. Daran hatte nicht zuletzt der Ostberliner Jazzexperte Karl-Heinz Drechsel großen Anteil als er 1964 erstmals das "American Folk Blues Festival" in die DDR holte. Danach gehörten Auftritte internationaler Bluesmusiker in der DDR durchaus zum Kulturalltag. Ihre Fans fanden diese unter den auch in der DDR zahlreich existierenden Jazzliebhabern.
Anfang der 1970er Jahre begannen sich auch rockbegeisterte Jugendliche für den Blues zu interessieren. Über die Coverversionen ihrer westlichen Rockidole gelangten sie zu den Wurzeln des Blues. Zahlreiche Bluesbands entstanden vor allem in Ostberlin und im Thüringer Raum. Mitte der 1970er Jahre begann sich die Szene zu etablieren. Eine DDR-spezifische Jugendsubkultur war entstanden.

Einer, der den Blues bekam, war Günter "Holly" Holwas (* 1950 in Berlin). Nachdem er 1975 seinen
Wehrdienst als Bausoldat abgeleistet hatte, gründete er Hollys Bluesband. Ihren ersten Gig hatte die Band 1978 in der Umbauphase eines Konzerts der Engerling Blues Band und der Hansi-Biebl-Band. Auf der Suche nach alternativen Auftrittsmöglichkeiten sprach "Holly" den Pfarrer der Samariterkirche in Berlin-Friedrichshain an.
"Holly" versprach ihm die Kirche mit jungen Leuten zu füllen und den Erlös einer kirchlichen Einrichtung zu spenden. Rainer Eppelmann, selbst Bausoldat in der NVA, war damals Kreisjugendpfarrer in Berlin-Friedrichshain und wurde nach der Wende letzter DDR-Verteidigungsminister. Er bestand, in Abstimmung mit der Kirchenleitung, darauf,  der Veranstaltung einen gottesdienstähnlichen Charakter zu geben. Die Idee der Blues-Messen war geboren.

Zur ersten Blues-Messe am 1. Juni 1979 mobilisierte "Holly" etwa 250 Blueser, von denen die meisten vorher noch nie eine Kirche betreten hatte. In kürzester Zeit entwickelte sich die Blues-Messe zu einer spezifischen Form der Opposition in der DDR. Die Teilnehmerzahlen wuchsen ständig. Am 24. Juni 1983 zählte man fast 2500 Besucher.
Da der Druck der Staatsmacht auf die Veranstalter immer größer wurde und um dem für 1987 in Aussicht gestellten Kirchentag nicht zu gefährden, entschloss sich der "Bund der Evangelischen Kirche in der DDR" die Blues-Messen einzustellen. Bis zum Herbst 1986 fanden insgesamt 20 Veranstaltungen statt.
"Holly" hatte längst den Druck der Staatsmacht zu spüren bekommen. Mit Versprechen, Druck und Repressalien versuchte man ihn zur Beendigung der Blues-Messen zu bewegen. Als logische Konsequenz stellte er einen Ausreiseantrag und verließ im November 1981 die DDR.

Am 22. Oktober 2005 fand anlässlich des 25. Jahrestages der Blues-Messen in der Samariterkirche eine Gedenkveranstaltung statt. Mit dabei "Holly" Holwas, der inzwischen wieder in Deutschland lebt, Rainer Eppelmann und eine All-Star-Band.
Drei Jahre später, am 31. August 2007, kam es in der Osterkirche in Berlin-Wedding zu einer Neuauflage der Blues-Messe, auf der Jürgen Kerth, Waldemar "Waldi" Weiz, Big Joe Stolle und eine neue Hollys Bluesband auftraten.

Leider fand das Ereignis ohne mich statt. Als ich davon erfuhr, war ich bereits im Besitz von Karten für die
"East Blues Session" mit Peter Pabst und der Jonathan Blues Band, die alljährlich zum Abschluss des
"Köpenicker Blues und Jazzfestivals" stattfindet, und konnte mich mal wieder nicht entscheiden. Übrigens, jener Peter Pabst, der einst mit "Holly" begann.

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Dirk Moldt, Zwischen Haß und Hoffnung, Die Blues-Messen 1979 - 1986
Schriftenreihe des Robert–Havemann–Archivs, Berlin 2008, 430 Seiten
Esgibt keinen Begriff, der die Blues-Messen im Ostberlin der frühenachtziger Jahre beschreiben oder erklären könnte. Sie waren mehr alsdie Kombination von Konzert und Gottesdienst. Sie waren Zufluchtsort,Hoffnungsraum und Kristallisationspunkt für Jugendliche, die gegen einetotalitäre Diktatur, gegen angepasste Elternhäuser und nicht zuletztgegen den verordneten FDJ-Frohsinn aufbegehrten. Aus der ganzen DDRreisten damals Tausende Jugendliche zu den Konzerten an, um ihre Musik,den Blues, zu hören, sich mit Gleichgesinnten zu treffen oder einfachnur, um dem drögen DDR-Alltag zu entfliehen. Hier versuchtenJugendliche dem offiziellen Bild ihr eigenes Lebensgefühlentgegenzusetzen.
Mit seinem Buch gelingt Dirk Moldt zum ersten Maleine umfassende Analyse dieses Phänomens. In einer klaren, präzisenSprache beleuchtet er nicht nur die „Szene“, sondern auch diestaatlichen Störmanöver und innerkirchlichen Auseinandersetzungen.Damit gelingt ihm nicht nur ein informatives, sondern auch spannendesBuch. Er vermittelt das Lebensgefühl der DDR-Blueser und Tramper, ausdenen sich nur wenige Jahre später ein großer Teil der Akteure derFriedlichen Revolution rekrutierten. Auf der beigelegten CD-ROM werdenneben den damals vorgetragenen Texten, 15 Zeitzeugeninterviews, 300Fotos und die einzige erhaltene Tonaufnahme einer Blues-Messeveröffentlicht.
Der Autor, Jahrgang 1963, engagierte sich schon 1983in der Offenen Arbeit Berlin, war 1987 Mitbegründer der „Kirche vonUnten“ und zwischen 1985 und 1989 Herausgeber des „mOAning star“. Erstudierte zwischen 1997 und 2002 Geschichte in Berlin und Jena undpromovierte 2007. Dirk Moldt arbeitet heute als Historiker undRedakteur in Berlin.
Schriftenreihe der Robert-Havemann-Archivs Bd. 14, Berlin 2007, 430 S., Paperback mit eingelegter CD-ROM ISBN 978-938857-06-9
Quelle: http://www.havemann-gesellschaft.de/publ.htm